Von der Wiederverzauberung im Hören

von Norbert Trawöger

 

„Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie beim richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.“
Franz Kafka, Tagebuch, Oktober 1921

 

Wir haben im letzten Jahr viele Erfahrungen gemacht. Beschränkung war angesagt, Abstand notwendig, um gesund zu bleiben. Das Gemeinsame ist Grundbedingung für Kultur, die die Art des Miteinanderumgehens, des Zusammenseins verhandelt und bestimmt. Die Abwesenheit von Möglichkeiten zeigte uns die Grenzen des Selbstverständlichen auf. Wir bemerken das Fehlende, beginnen genauer zu schauen, spitzen die Ohren. Das Ungreifbare bekommt Konturen. Kultur ist der Spielraum des Menschlichen, fürs Humane. Sie ist mehr als ein Raum, sie ist lebensnotwendige Atmosphäre. Wir brauchen sie wie die Luft zum Atmen. Wir leben sie, bewegen uns tagtäglich in ihr, ob als Esskultur, Hochkultur oder Subkultur.

 

Kultur ist der Möglichkeitsraum für Zugehörigkeit. Darin steckt das Hören. Der Hörsinn ist der erste Sinn, der im Mutterleib im fünften Schwangerschaftsmonat erwacht. Wir beginnen im Bauch, das Innen und Außen hörend wahrzunehmen. Von allen Sinnen ist er der letzte, der erst 24 Stunden nach unserem Tod erlischt. Im Hören sind wir verbunden. Hörend gehören wir zur Welt. So war es nicht verwunderlich, dass die Balkone im ersten Lockdown sofort zu Konzertpodien mutierten und fest gespielt wurde. Wir mussten uns bemerkbar, hörbar machen und uns dabei vergewissern, dass wir nicht alleine sind. Für viele von uns waren diese Konzerte magische Momente eines tiefen Gefühls der Zusammengehörigkeit.

 

John Cage schrieb 1952 mit 4’33” das wohl radikalste Musikstück des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine Spielerin, ein Spieler oder ein Orchester betritt die Bühne, erhebt das Instrument und verharrt in drei Sätzen insgesamt vier Minuten und dreiundreißig Sekunden in stiller Spielhaltung, bevor diese wieder aufgelöst wird. Man wundert sich vielleicht, wie lange das Stück dauert, fragt sich, ob das Musik ist und dies nicht jede*r komponieren hätte können (Wo war die Leistung?) – oder verliert den Kopf, um einfach dem zu lauschen, was gerade hörbar ist: das Knarren eines Stuhls, das Klappern der künstlichen Herzklappe des Sitznachbarn (Ich habe es wirklich gehört!), ein Vogelgezwitscher oder Bremsgeräusch von außen oder gar das Knurren des eigenen Magens, das zum Explosionsgeräusch ausartet. Cages Zeitraum katapultiert in den Augenblick und schenkt uns und dem Unbemerkten Bedeutung. Aber nur wenn man will und dieses Wollen heißt, nichts zu wollen, nur horchen, schauen. Eine mögliche Situation der Vergegenwärtigung der Gegenwart in der Gegenwart.

 

Ein Orchester ist eine Spezialeinheit zur Schaffung von Zusammengehörigkeit und Gegenwart. Im Augenblick des Ereignisses eines Konzerts, einer Opernvorstellung, versammeln wir uns, um in der Musik das Jetzt zu erleben. Unabhängig von unserem Alter oder dem der Musik, werden Hörende und Spielende im besten Fall zu einem Klangkörper – ein hochsolidarischer Akt des Gemeinsamen. Doch das Ereignis geht weit über das Soziale hinaus. Im Raum der Kultur betreten wir die Areale der Kunst und können dort Zustände des Ungreifbaren erleben, die greifbarer nicht sein können: Freude, Irritation, Erbauung, Lust, Zorn, Transzendenz, Langeweile und vieles mehr. Das Bruckner Orchester Linz wagt fast tagtäglich, diese Räume für uns alle zu errichten. Es sind fragile Räume, wie wir in den letzten Monaten deutlich erfahren mussten. Sie sind nicht selbstverständlich, aber in zutiefst menschlicher Weise lebensnotwendig. Wir brauchen das Ungreifbare, die Orte, wo der Zauber gewagt wird.

 

Unsere Anstrengung hat höchster Qualität zu gelten und dem Bemühen, diese Erfahrungen vielen Menschen möglich zu machen. Es geht um nichts anderes als um die Wiederverzauberung der Welt.

 

Norbert Trawöger
Künstlerischer Direktor

 

Foto: Zoe Goldstein

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